Andreas Schüller: Am Anfang deiner Biografie steht immer und überall, dass du eine Lehre als Friseur absolviert hast. Gehört es für dich unmittelbar zur Vorbereitung auf deine jetzige Tätigkeit als Plastiker dazu - die Ausbildung zum Friseur?
Konrad Hunger: Nein natürlich nicht. Meine Eltern hatten ein Friseurgeschäft. Es war vorgesehen, dass ich das Geschäft übernehme. Im zweiten Lehrjahr hatten wir Schminken und da war ich am Opernhaus im damaligen Karl-Marx-Stadt und mir hat die Atmosphäre gefallen, die das Theater so mitbringt. Da habe ich mich in Richtung Maskenbild bewegt. Die Ausbildung dazu war in Dresden an der Hochschule. Dort bekam ich dann Kontakt zu Leuten aus der Plastik.
Andreas Schüller: Muss nicht der Friseur eine gewisse Scheu vor der körperlichen Nähe zu anderen Menschen überwinden, denn es gibt ja sicher auch Personen, denen man nicht gerne durch die Haare fährt. Da scheint die Arbeit an einem Material z. B der Eiche oder dem Sandstein von diesen Dingen befreit zu sein und in der Beziehung weniger Widerstände hervorzurufen. Oder hat jedes Material, das humane und das unbelebte, seine verschiedenen Eigenheiten?
Konrad Hunger: Der Umgang mit Menschen ist schon nicht schlecht. Aber wenn dann Trudel Schulze aus dem Schweinestall kommt, dann riechen die Haare nicht gut, wenn das heiße Wasser drauf kommt. Ansonsten ist es ja nicht schlecht. Man war immer allzeit informiert, was in der Kleinstadt so los ist. Man kann sich mit Leuten unterhalten und ist nicht weltfremd. Das hat natürlich nix zu tun mit der Arbeit am Stein oder Holz, außer dass man ein bisschen derber sein kann. Ich könnte heute keine Haare mehr schneiden. Ich würde mich da nicht mehr ran getrauen, was da alles an Richtungen und Trends fabriziert wird
Andreas Schüller: Du stammst aus einer Handwerkerfamilie und fast naturgemäß hast du den Beruf des Vaters übernommen. Es war sicher ein Milieu, das in seinem Standesdenken kaum die Vorstellung auf entfernte Berufe entwickelt hat. Man bleibt in seinem Gedankenkreis erst einmal hängen. Wie war der Weg bei dir dann zum Theaterfriseur und wo hast du ihn ausgeübt?
Konrad Hunger: Nun im 2. Lehrjahr kam der Kontakt mit dem Opernhaus und dem Chefmaskenbildner, damals ein Herr Ola. Auch im Schauspielhaus habe ich beim Schminken mitgewirkt. Ich habe mich dann in Dresden beworben im Fachbereich Maskenbild, das ist die Fachschule an der Hochschule gewesen. Dann bin ich nach Eisleben gekommen, das hing mit am Theater von Halle dran. Das hatte alle Sparten Schauspiel, Oper, Ballett. Das war nicht schlecht, man wurde gleich gefordert. Ich hatte einen festen Stamm von sieben Schauspielern, denen ich die Maske machte. Das war eine dankbare Aufgabe, die ganzen z.B. Wunden zu entwickeln. Das Theater hat auch seine anderen Seiten, die waren nicht so angenehm.
Andreas Schüller: Wie kann man sich die Arbeit genau vorstellen? Hast du die Masken, die Wunden etc. selbst entwickelt oder gab es einen Chefmaskenbildner oder Regisseur, der gesagt hat, es soll so und so aussehen. Hast du da ein Problem gehabt das hinzukriegen?
Konrad Hunger: Das war eben das Schöne, ich war vollkommen frei. Es stand die Aufgabe. Man hat dem Regisseur was angeboten. Ich war verantwortlich für die Masken. So haben wir das entwickelt und das war toll. Es gab natürlich Vorgaben vom Drehbuch her.
Andreas Schüller: Was konkret lernt man als Maskenbildner theoretisch und was tut man praktisch in der Ausbildung an der Hochschule?
Konrad Hunger: Na, die Theorie, das ist das Grundstudium zwei Jahre — Kunstgeschichte, Anatomie, dann die Fachbereich z.B. Perücken knüpfen und so ein Zeug, was durchaus belastend ist. Kunstgeschichte dagegen war toll, das war gleichlaufend wie an der Hochschule. Ich hatte die gleichen Dozenten, z.B. in Anatomie hatte ich den Professor Bammes, der mir heute noch im Hinterstübchen sitzt. Sehr strenger Knabe — man wurde gequält. Ist aber nicht schlecht. Im Fachbereich dann später hatte ich Professor Wittig. Ist auch so ein altes Eisen, so Tradition und richtig Bildhauerei von der Pike auf zwei Drittel Handwerk, das musste stimmen. Das war alles ziemlich bodenständig.
Andreas Schüller: Die Maskenbildnerei an der Hochschule war eine Fachschulabteilung, du brauchtest kein Abitur, um dort anzukommen. Nur deswegen ging das, aber du bist dann zur Plastik gewechselt und das ist doch eine Hochschulausbildung. Wie ging denn das?
Konrad Hunger: Das ist auch ein Sonderfall. Beim Maskenbild gab es eine Eignungsprüfung, da kommst du vom Handwerk. Also Ausbildung als Friseur oder Kosmetiker etc.. Es waren damals so 150 Bewerber und davon haben sie 13 genommen. Ich war der einzige Kerl, alles andere waren Mädels. Ich musste mich im zweiten Studienjahr entscheiden, du konntest ja nur ein was studieren und drei Jahre ging das Fachschulstudium. Dann wäre man an ein Theater vermittelt worden und eine feste Stelle bekommen — da hätte ich nie wieder Bildhauerei machen können. So musste ich im 2. Studienjahr wechseln — und das war nicht einfach. &Uml;ber Aktivitäten, FDJ-Aktivitäten oder Faschingsausgestaltung wie früher die Gauklerfeste, das ging drei Tage. Das waren dann direkt Studienprogramme. So kamen wir mit den Hochschulleuten in Kontakt, weil wir die Aufgabe hatten, die ganze Schule auszugestalten. Ich hatte mich dann halt in der Abteilung Plastik beworben und wurde natürlich abgelehnt und da hing ich in der Luft. Das eine hatte ich aufgegeben und das andere, da wurde ich nicht aufgenommen . . . Es gab den Professor Heinze und den Professor Kettner, die sich eingesetzt hatten und ich kriegte ein Probejahr. Ich durfte ein Probejahr in der Abteilung Plastik studieren. Das war nicht sehr angenehm. Nicht einmal verschlafen und immer die Hand heben, wenn es um etwas ging. Ich musste vorbildlich sein — ich wollte ja bleiben. Ein Jahr später kam dann der Kettner und sagte, dass ich bleiben kann — das war dann sehr schön. Und so bin ich halt Bildhauer geworden, das Diplom lief auf den Abschluss als freier Plastiker.
Andreas Schüller: Da gab es bestimmt nicht sehr viele die so einen Weg gegangen sind?
Konrad Hunger: Nee, das war mein großes Glück.
Andreas Schüller: Weißt du, warum es eine Fachschulabteilung an der Hochschule gab? Konrad Hunger: Es gab ja auch Theatermalerei, Theaterplastik, da wurden aller zwei Jahre Studienplätze vergeben. Nur in Dresden konnte man Maske studieren, es gab sonst keine andere Fachschule in der DDR.
Andreas Schüller: Lagen die Gründe für einen Wechsel auch darin, dass die einmal gestaltete Maske durch das Abschminken wieder zerstört wird und außerdem bei jeder neuen Vorstellung wiederholt werden muss. Eine Plastik dagegen, dann kann man davon ausgehen, dass sie mal ein paar Jahre länger lebt.
Konrad Hunger: Ja, das löst sich dann auch auf. Es wird mit Mastix, dem sogenannten Menschenkleber gearbeitet. Ja für die Ewigkeit ist das nichts außer wenn man wie jetzt mit Matrizen arbeitet. Damals hatten wir ja nicht so viel Kautschuk, es gab ja nix. Damals wurde mehr improvisiert und insofern war das auch ein Unikat, weil sich es ständig veränderte.
Andreas Schüller: Du hättest doch auch Theaterplastiker werden können?
Konrad Hunger: Na logisch - hätte ich damals gewusst, wo es mal hin geht. Ich komme aber nun mal vom Friseur. Ich will noch mal sagen was zum Abitur. Ich hatte ja keins, für mich stand schon immer fest, du übernimmst das Friseurgeschäft der Eltern. In der Klasse war ich einer der schlechtesten in der Schule. Irgendwann hat es mich dann gerappelt und ich habe dann mit dem Prädikat gut abgeschlossen, das war die Voraussetzung, dass ich überhaupt studieren konnte. Es stand nie zur Debatte, dass ich ein Hochschulstudium absolviere. Die Mutter hat mir da sehr geholfen. Der Vater war da eher konservativ und sauer, weil ich sein Geschäft nicht übernommen habe, das er sich zu DDR Zeiten aufgebaut hat und das war ja nicht einfach. Es war zu Ulbrichts Zeiten - zurück ins Private - das gab es nicht so oft. Und dass ich das nicht weiter gemacht habe, das hat ihm nicht gefallen. Heute ist er auch froh, wenn er mal einen Artikel in der Zeitung liest
Andreas Schüller: Welches Thema hatte deine Abschlussarbeit in Dresden zum Diplom und wie war dein Verhältnis zu Prof. Wittig?
Konrad Hunger: Ich habe eine Artistin gemacht, die war 3,50 Meter hoch. Eine fiktive Geschichte. Ein Modell für eine Bronze, was aber nie ausgeführt wurde. Da hat der Beyer die Bronze für die Leninköpfe verwendet — da war das Zeug weg. Da ist für uns nix geblieben. Die Arbeit stand dann noch lange in Obergruna, wo ich einige Jahre war. Es war keine naturalistische Figur eines Athleten, wo du jeden Muskel siehst. Professor Jäger kam mal und der sagte: ”Na Hunger kenn se Maccerini?“ Dann brachte der mir so ein Heftchen mit, wo er mir Plastiken zeigte, die genauso aussahen wie meine. Es war schon alles da. Aber ich habe es nicht gekannt. Damals - Man sah schon Abstraktion und Überhöhungen. Ich bin der Figur treu geblieben.
Andreas Schüller: In welchem Material hast du sie ausgeführt?
Konrad Hunger: Auf einem Metallgestell vom Schmied geschweißt und mit Holzwolle und Gipsbinden aufgebaut. Wir hatten ja ein Jahr Zeit. Einmal in der Woche kam der Professor und da hatten wir Korrektur und noch viel Aktzeichnen. Der Hennig Aust und ich waren die einzigen Studenten bei Professor Wittig, die einzigen Studenten, die er vom zweiten Studienjahr zum Diplom geführt hat. Der kam auch nicht sehr gut klar mit der Frau Professor Diele, das war die Philosophin. Die hatte manchmal viel reinzureden ins Künstlerische und das hat er sich nicht gefallen lassen. Der hat dann auch aufgehört und ist von der Hochschule weg.
Andreas Schüller: Nach dem Abschluss wärst du da lieber an der Hochschule geblieben?
Konrad Hunger: Nee, das stand damals nicht. Heute ist das erstrebenswert, wenn sie bleiben und es jeden Monat klingelt bis sie Professor sind und sitzen dort wie Klebstoff, dass kein anderer ran kann. Das wäre heute vielleicht erstrebenswert. Aber damals ging es raus nach Obergruna in den Wald. Da gab es einen Förderauftrag über den Karl-Marx-Städter Verband, das waren damals 10 000 Mark. Da konnte man gleich erstmal arbeiten, da hast du Werkzeug. Da ist man nicht in ein Loch gefallen. Später hatte ich immer Glück gehabt, ich hatte was zu beißen und musste keinen Lenin machen. So bin ich gleich wieder beim Theater:
So gaukle ich,
So schaukle ich,
für mit und ohne Geld
Gaudie hopsa lapito
Durch unsre heikle Welt
Nun das haut doch hin, das stimmt doch bis aufs Pünktelchen heute noch.
Andreas Schüller: Du hast dich gleich freischaffend gemacht in Obergruna bei Freiberg. Das ging sechs Jahre — warum ist es letztendlich gescheitert?
Konrad Hunger: Das ist ja nicht weit von Dresden, es war ein Ausflugsort — Mit Dresden waren wir noch verbunden jedes Wochenende kamen die Städter mit Sonnenschein und Bierkästchen — Da war immer mal eine Fete los — was wolltste denn weiter machen, wenn du ein bisschen Geld hast. Da waren da mal 5 und da mal 5 Biere, da gab es auch Gefährdungen. Die damalige Beziehung mit zwei Töchtern ist zerbrochen, dann gab es den Tod meiner Mutter. Das Jahr 1989 war nicht so gut. Ich habe alleine in einer Riesenvilla gewohnt und das im Wald, da kommst du schon auf komische Gedanken. Ich wurde zu einem Holländer eingeladen zu einem Arbeitsaufenthalt. Da musste man Westgeld nachweisen, Visum beantragen usw. Ich wollte eigentlich länger bleiben, denn hier war nichts mehr groß, was mich halten könnte, das komischste war, dass ich der letzte war, der noch kontrolliert worden ist. Denn als ich über die Grenze war so nachts, dann blinkerten mich alle Autos an und auf einmal war die Mauer auf — das war wirklich verrückt. In Hamburg dann bin ich auf einen Parkplatz, ich hatte keine Karte mit, keinen Plan oder so was. Es wurden immer mehr Autos und ich dachte mein Gott. Da bin ich zu Polizei und die haben mich dann dorthin geschafft. Im Konvoi, ich musste hinter denen her aber nicht bloß mit 50. Heute glaube ich das nicht, heute werden sie dir die Reifen zerstechen, wenn du fragst, ob sie dich mal irgendwohin bringen können.
Andreas Schüller: Du hast da einige Zeit in den Niederlanden verbracht?
Konrad Hunger: Ich habe dort gewohnt bei dem Holländer und seiner Frau — Eckbert und Kerry — Dort war eine große Steinfirma Monser in Nordhorn, dort habe ich vorgesprochen, ob sie nicht ne Arbeit oder so was haben. Da war erst nichts, dann eine halbe Stelle. Dann hatte ich Kontakt zu Herrn Monser, die wollten uns damals was Gutes tun, so dass ich eine Stelle kriegte. Mit neuem Werkzeug, das kannten wir ja gar nicht, das war super. Und dann habe ich Grabsteine gemacht, Einzelstücke für einen Bäckermeister etc. Dort gibt es ja noch einen Konkurrenzkampf auf dem Friedhof, das ist ja nicht wie hier, wo man Eichenkreuze hinstellt und nur der Name sich unterscheidet. Das waren Einzelstücke um die 15000,- DM. Da hatte ich meine Freiheit. Dann hatte ich für die Firma Monser den großen Betriebsaufsteller gemacht — aber ich glaube, die Firma gibt es nicht mehr. Es war für mich nicht schlecht die Werkzeugstrecke kennenzulernen. Das wäre hier nicht möglich gewesen und man hätte es sich auch nicht gleich leisten können.
Andreas Schüller: Wie ging es dann wieder zurück?
Konrad Hunger: Ich hatte ja einen Auftrag über die Präzissionsmechanik in Freiberg für einen Speisesaal einer Firma, die bei Carl-Zeiss Jena angeschlossen war. Das war eine dreiteilige Geschichte von Historie, Gerätschaften und Ausbau von Bergbau. Ich hatte eine Anzahlung bekommen, aber ich bekam kein Material — da ging es nicht los. Ich hatte kein schlechtes Gewissen. Ich konnte keine Rechnung stellen, wenn du nicht weiter arbeiten kannst. Das war der eine Auftrag und der andere war in der LPG Obergruna ”Mutter Erde“. Das klingt pathetisch &mdasH; für mich natürlich im lustigen Bereich die Kühe sind dort wo die Milch ist. . . Der Jäger liegt hinterm Busch . . . und so. Das hat auch nicht geklappt. Das hatte sich erledigt und gut. Da hatte ich aber auch ein bisschen Geld gekriegt. Dann kriegte ich einen Brief von einem Rechtsanwalt von Carl-Zeiss-Jena, da weiß man doch, wer das saniert hat, der Herr Späth, die wollten natürlich ihre Kohle zurück — und ich musste zahlen. Das Verrückte war dann, die LPG in Obergruna wollte ihr Wandbild haben, ihre ”Mutter Erde“. Da bin ich zurück zum Hennig Aust in Chemnitz im Heckert-Gebiet. Dort habe ich das Wandbild realisiert in Keramik für die LPG und mit dem Geld habe ich Carl-Zeiss-Jena bezahlt. Und da war ich wieder hier.
Andreas Schüller: 1990 warst du im Schlossbergmuseum Chemnitz als Meister tätig. Was waren dort deine Aufgaben?
Konrad Hunger: Nee, beim Esche in der Fabrik. Wir hatten schöne Aufgaben. Ich kriegte dann eine Anfrage aus Mittweida von einem Bauunternehmer in Potsdam, das Löwenhaus zu restaurieren. Das war natürlich eine tolle Sache und ein Stundensatz, mein lieber Jonny, da haste mit den Ohren geschlackert. Im Nachhinein weiß ich, dass er mich nur angefüttert hat und im Endeffekt in Frankfurt am Main, was der nächste Auftrag war, dort im Westend eine große Stadtvilla zu restaurieren, mich rigeros über den Löffel balbiert hat. Er hat mich angefüttert, so dass ich beim Esche aufhörte, mich selbständig machte, restauriert habe in Potsdam, das war eine sehr schöne Aufgabe. Dann macht man Blödsinn, schließt verschiedene Versicherungen ab und denkt es geht so weiter das Leben. . . und dann haste das nächste Ding, da sackste rein, hast's falsch einkalkuliert. Man hat ja nicht gewusst, dass so ein Brötchen im Westend sieben Mark kam. Heute wüsste man mehr.
Andreas Schüller: Anfang der neunziger Jahre hast du einen zweiten Anlauf gemacht, um eine unabhängige Werkstatt zu betreiben, und zwar im Wilischthal mit der Gründung der ”Pachhütt“ – ein Unternehmen zum Restaurieren von Einzeldenkmalen und historischen Fassaden sowie freie künstlerische Arbeit in Stein, Holz und Bronze. Zu guten Zeiten haben dort 20 Leute gearbeitet.
Konrad Hunger: Nee . . .
Andreas Schüller: Nun gut es waren viele, es gab Ausstellungen, Künstlerfeste, Pleinairs etc. Vielleicht an Aktivitäten ein Höhepunkt in deinem künstlerischen Leben. Nach 10 Jahren etwa um 2001 ist es da wieder ruhiger geworden. Kannst du die Zeit beschreiben und die Art der Tätigkeit, die ihr dort betrieben habt und vielleicht auch, warum es wiederum gescheitert ist?
Konrad Hunger: Das sind verschiedene Dinge, die du hier angesprochen hast, die manchmal auch nicht zusammengehören. Dass wir hier die Firma gegründet haben, lag daran, dass ich das väterliche Haus in Lunzenau besessen habe, was dazu diente, einen Kredit aufzunehmen, das zu renovieren, das zu Mieteinahmen zuzuführen, es dann zu beleihen und damit das Haus im Wilischthal zu erwerben und zu errichten. Ich lernte die Gudrun Höritzsch bei Hennig Aust kennen, dann den Andreas Stelzer und das Umfeld. In Chemnitz ging das Gesinge los, alle lamentierten rum, was denn nun wird, die Künstler, die Mieten . . . Da sind wir halt ins Wilischthal und haben die Pachhütt ausgebaut. Das ging auch gut los — die Volksbank Olberhau, das ehemalige Amtsgericht saniert — verkalkuliert, wusste damals keiner — aber wir hatten schöne Aufgaben. Die Gudrun ging damals in Stuck, Vergoldung und Formenbau, Andreas Stelzer war der Maler, der rauchende Maler. So kamen wir dann unter und natürlich musste ich die Firma übernehmen und besichern. Dann kam die Sparkasse in Zschopau, dann die Fürstenstr. In Chemnitz, viele Objekte in Dresden, was eigentlich auch gut lief. 1996 ging das Ding dann runter und hörte bald auf.
Die andere Geschichte ist die vom Kunstverein Pachhütt e.V. Das hängt mit dem mittleren Erzgebirgskreis zusammen. Die landschaftliche Situation ist super und wir wollten kulturell mal was machen. Der Verein hatte zu Beginn 48 Mitglieder: der Elektromeister sowieso und der Malermeister sowieso alle mit ein bisschen Sponsoring. Die wollten natürlich alle irgendwann Geld mit den Dingen verdienen. Heute wissen wir ja nun, was kommt, der Abbau kommt, nichts kommt mehr. Damals als der Kulturchef vom Erzgebirgskreis Leister zu uns sprach, es soll eine schöne Tradition im Erzgebirge werden: das erste Bildhauersymposium, wir werden das sukzessive fortführen — nichts ist geworden. Wenn man nichts macht, werden die Jungs auch braun. Man muss viel mehr investieren. Den Leuten was geben, wo sie sich ausdrücken können. Ihre Aggressionen loswerden und nicht immer bloß vor der Tankstelle sich rumdrücken und die Alkopops reinziehen. Wir sind noch sieben Leute im Verein, damit wir ihn erhalten können. Das müssen wir ja auch. Wir machen noch Ausstellungen, vor allem Andreas Lochter und Gudrun Höritzsch sind da aktiv in verschiedenen Kanzleien und die Einnahmen kommen dem Verein zu gute.
Andreas Schüller: Wenn man deine plastischen Arbeiten beschaut, fällt immer wieder auf, dass du im Menschen ein Doppelwesen sieht. Mensch und Tier. Elemente aus dem jeweils anderen Bereich werden zusammenmontiert — vor allem viele Gehörnte gibt es, seien es nun beseelte Geschöpfe oder andere Wesen. Diese zwei Seiten einer Gestalt bildest du auch in anderer Weise formal ab. Die Verteilung der plastischen Massen ist häufig in zwei gegenüberliegende Kraft- und Massenpunkte geteilt. Zwischendurch wird ein Hohlraum erzeugt, der die Verbindungsästelung anzeigt, sei es nun die Verbindung zu einem anderen Körperteil, sei es nun ein Stück Stein oder Holz, worauf das Wesen steht. Man könnte sagen, es gibt geheime Verbindungen, aber nur über dünne Kanäle. Wie siehst du selbst deine Arrangements?
Konrad Hunger: Naja, da gibt es eigentlich gar nicht viel zu sagen, es sind ja keine Aufträge. Es sind freie Arbeiten. Wenn ich ein Stück Holz sehe, dann ist die Figur schon drin — ich hole sie bloß raus. Das ist ja nicht so viel Arbeit. Ich bin ja auch faul, je mehr man stehen lässt, um so besser ist das ja eigentlich. Ich habe zwar eine Holzheizung, werde aber die trotzdem nicht so zerschrubben. Man muss ja auch sehen eine 150 jährige Eiche, da schrubbt man doch seinem Großvater nicht die Beine ab. Da muss man sensibler sein. Was gentechnisch noch kommt, das weiß man nicht, was noch alles losgeht. Und wegen der Hörner, da muss eben so ein Hirsch geschossen werden wegen der Trophäe weniger wegen Fleisch. Die kriegen jetzt ein neues Wesen von mir und suchen dann ihren Mörder.
Andreas Schüller: Ein zweiter großer Bereich ist wohl die satirische Plastik, die eigentlich so in der Art niemand weiter hier in der Umgebung macht. Da taucht ein Helmut Kohl auf, ein Bankier und ähnliches. Das Lustigmachen über die anderen ist mit der Muttermilch eingesogen, allerdings zeigt sich hier eine gewisse Beengung, denn es sind die Mächtigen, die kritisiert werden aus der Position des Ohnmächtigen, des Empörten. Wer steht als nächstes auf der Liste, den du aufs Korn nehmen willst?
Konrad Hunger: Eine Liste gibt's da nicht, denn du wüsstest ja gar nicht wo du anfängst — ei die ganzen Pappnasen. Wahrscheinlich möchte ich in weiches Silikon den Guido mal machen. So wie die Elvisfigur, die in den Autos so mit die Beins so schwippt — aber das werde ich nicht machen. Zur Ausstellung in der Laterne bringe ich meine Angela mit. Die kannst du anstubsen, die ist ganz speckig glatt. Das ist eine Kobra, die wackelt ein bisschen, bis sie sich wieder beruhigt — aber der Biss ist tödlich.
Andreas Schüller: Was auch ein weiteres typisches Kennzeichen von dir ist, das sind die Glasaugen, die du verwendest. Bei einem lebenden Menschen verwendet aufgrund eines Verlustes, wirken, wenn entdeckt, eher unangenehm. Bei einer Plastik funktioniert es absolut belebend und auch eine komplizierte Form wird glaubwürdiger. Es ist ein schlauer handwerklicher Griff, der dann die Plastik immer besser aussehen lässt. Im Internet gibt es da einige Firmen, die die anbieten. Nach welchem Gesichtspunkt wählst du die Augen aus? Bärenauge für einen Banker, ein Hühnerauge für einen Gehörnten?
Konrad Hunger: Mit den Augen das ist entstanden bei einem Symposium in Steinach in Thühringen in der Nähe von Lauscha. Über Kontakte bin ich bekannt geworden mit Menschenaugenmacher und Tieraugenmachern. Das ist sehr beeindruckend, was es da alles gibt — aber nicht mehr lange. Die Menschenaugen schon, da gibt es gewisse Spezies, die dort arbeiten. Die Augen sind auch teuer, so um die 380,- Euro — und die das perfekt nach dem vorhandenen gestalten. Die Tieraugenproduktion dagegen wird aussterben, weil die Konkurrenz aus Fernost zu stark ist. So bin ich drauf gekommen, einem Schweinehund Fuchsaugen beizugeben. Ich würde niemals einem Mufflon Mufflonaugen beigeben. Ich will das da mal umdrehen, und einem Pflanzenfresser plötzlich Augen von einem Fleischfresser beigeben. Das bringt mehr Spannung.
Andreas Schüller: Wie stehst du eigentlich zum Material, was sind Materialien, die du magst, und mit welchen Materialien arbeitest du nicht so gerne? Konrad Hunger: Beim Holz nehme ich prinzipiell Eiche. Die Eichensorten, Roteiche, Stieleich und Rüster, also Ulme. Das sind Hölzer, die im Außenraum auch Bestand haben. Ich habe noch ein Konvolut von Ebenholz und verschiedenen anderen Dingen. Mooreiche in kleinen Formaten. Man muss ja nicht immer alles ranschleppen und in Afrika einen Baum umhauen, weil der Hunger mal einen haben will. Wir haben ja selber welche.
Im Stein ist es der Hilbersdorfer Porphyr, dann die Sandsteinsorten, die wir hier haben, ansonsten Marmor, jetzt neuerdings von der Insel Bratsch.
Preislich gibt's da natürlich Unterschiede und die Bronze, nur da ist das Handikap, dass man den Gießer vorher bezahlen muss, bevor du eine Mark verdient hast. Das ist ganz schön intensiv. Wir wollen hier ja auch mal anfangen, kleine Bronzen zu gießen. Einen Workshop machen, um die Erfahrung zu bekommen — max. bis 30 cm Größe.
Andreas Schüller: Kannst du beschreiben, wie der Schaffensprozess bei dir abläuft? Geht es mit der Zeichnung los, oder entsteht alles im Kopf ohne Skizze und Stück für Stück, kombinieren sich die Ideen zur fertigen Plastik?
Konrad Hunger: Na alles, wenn es freie Arbeiten sind, dann lässt man sich über das Material inspirieren. Dann kommt der Punkt, wo du es mal wegstellst, da gibt es teilweise Dinger, die stehen 3 Jahre rum. Manchmal ist es Zack in zwei Tagen fertig und in vier Tagen verkauft. Bei einem Auftrag ist es natürlich anders. Da muss man dann Vorschläge machen und anbieten — Skizzen und Modelle.
Andreas Schüller: : Ich habe selten von dir Zeichnungen gesehen. Das hebst du nicht ordentlich auf. Die liegen dann in irgendwelchen Ecken.
Konrad Hunger: Na, ich habe doch eine Papierallergie, bei 5,- Euroscheinen geht das los. Das schlimmste ist ordnen. Ich bewundere die, die jeden Kontoauszug sammeln. Wenn dann das Finanzamt kommt: ” Nun zeigen sie mir mal die Ein– und Ausgaben der letzten drei Jahre.“ Dann fängt das an zu knistern und dann holen die die — ich kann das nicht.
Nee, aber in der Ausstellung bringe ich Bildhauerzeichnungen.
Andreas Schüller: Ich glaube, du hast mal den größten Verkauf in der Laterne gemacht, den wir jemals hatten, das ist schon eine Weile her, und die Plastik ”Hirschhahn“ ist in die USA gegangen. Für uns, die wir den Transport organisieren sollten, sehr anstrengend, weil nach der Verschiffung ein Anruf aus NEW York kam, die Plastik sei nicht da. Nachdem wir Schenker (die Transport-Firma) befragt hatten, wussten die zum Glück, dass die Kiste in irgendeiner anderen Halle im Hafen von N.Y. läge. Wir wussten auch, dass die Zollbehörden gern mal, wenn die standardisierten Maße des Frachtgutes nicht stimmen, die Ladung zu Lasten des Versenders zurückschicken. Da waren die Finanzen schon durch. Eine Nachzahlung hätte uns die Existenz gekostet. Wir wünschen dir weiter gute Verkäufe bei deiner Ausstellung in der Laterne, aber ein Verkauf mit halb soviel Engagement täte es auch. Was erwartest du dir von der Ausstellung in der Laterne?
Konrad Hunger: Ja ich hoffe, dass die Amerikaner wiederkommen. In der Laterne will ich größere Sachen hinstellen, in den kleinen Räumen werden die Figuren noch größer.
Andreas Schüller: Du gibst in der Volkshochschule viel Unterricht für werdende Plastiker. Was sagst du denen so, wenn sie die Dinge modellieren und was rätst du ihnen, wenn sie professioneller Plastiker oder Bildhauer werden wollen?
Konrad Hunger: Die Jugend frequentiert die Kurse am wenigsten. Meist sind's Frauen, wo die Kinder raus sind und sie nun neu ihr kreatives Leben entdecken. Die werden keine Plastiker mehr. Wenn man sowas mal gefördert anbieten würde, dass Problemgruppen das mal tun könnten, dann ihre Ideen umsetzen können, dass wäre doch mal was. Mit wenig Mitteln gerade einen Stein findet man doch, dann kann man sich abreagieren und Momente finden, wo man wieder etwas Freude hat. Das kann ich vermitteln über diese Kurse.